Das Nasentier in mir

Schönes und Schreckliches aus dem duftenden Reich der Pflanze

Zugegeben, ein sensibler Geruchssinn kann ebenso Fluch wie Segen sein. Wie oft habe ich gehört: „ Ach du spinnst doch, was riechst du denn jetzt schon wieder?!“ Ich rieche seit jeher, wenn etwa einem Objekt ein kaum wahrnehmbarer chemischer Plastikgeruch entströmt, im Biomüll langsam Zitronenschalen faulen oder im Keller eine tote Ratte liegt. Wo anderer Leute Nasen erst anspringen, wenn buchstäblich die Hütte brennt, nimmt meine bereits feinste Rauchnuancen wahr.


 

Crassula muscosa

Crassula-muscosa1Eine sukkulenteZimmerpflanze namens Crassula muscosa brachte mich im Winter fast an den Rand der Verzweiflung. Seit Tagen lag ein immer stärker werdender „Duft“ in der Luft meines Wohnzimmers. Ich ging auf Schnuppertour um herauszufinden, was es war. Alles wurde beschnüffelt, ich kam mir reichlich dämlich vor – wie ein Spürhund am Flughafen, der nach allerhand Illegalem schnüffelt. Mein olfaktorisches Dynamit fand ich schließlich, als ich vor besagter Zimmerpflanze zu stehen kam. Wie nur hatten mir die hunderte winzig kleiner Blütchen an ihren Stängeln entgehen können, die munter einen so betäubenden Geruch verströmten? Es war noch zu kalt, um eine südafrikanische Sukkulente ins Freie zu stellen, aber in diesem Moment war mein Mitleid endlich. Japsend trug ich den Topf ins Freie und überließ die Pflanze ihrem duftenden Schicksal. Soviel zum Fluch.

Tulpe ‘Ballerina’

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Der Segen eines guten Geruchssinns wiederum entschädigt einen hundertfach für eventuell erlittene Dufttraumata. Wenn im Frühling die Temperaturen steigen und die ersten Blüten erscheinen beginnt das Nasentier in mir zu erwachen. Glückselig kniet es dann vor einem Topf Tulpen der Sorte „Ballerina“. Ihre knallorange Blütenfarbe, nun ja, darüber kann man sich streiten, aber der Duft! Oh himmlisch, wie Primeln! Der Reigen geht weiter und weiter. Im Mai betören Bartiris mit süßlichem Parfüm, etwas herber die Pfingstrosen. Und apropos Pfingstrosen: Gönnen Sie sich einmal das Vergnügen an den Wurzeln dieser schönen Pflanzen zu schnuppern. Sie haben erstaunlich aromatisch riechende „Füße“.

Duftende Päonie ‘Kelway’s Glorious’

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Aber zurück zur Erdoberfläche. Das nächste große Duftvergnügen hat gerade begonnen – die Rosenblüte! Mir ist es ein Rätsel, wie man Rosen hat züchten können, die jeglichen Duft verloren haben. Was bitte ist köstlicher als seine Nase in eine dicht gefüllte, wohlriechende Rosenblüte zu tauchen?

Romantisches Rosengesteck by Silvia Höferlin

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Oh schöner Juni, wenn die Welt angefüllt ist mit dem Parfüm der Pflanzen. Man muss nur einmal morgens im Freien innehalten und ganz tief durchatmen. Ich weiß, das ist viel verlangt in einer Welt, die immer hektischer und schneller wird, aber glauben Sie mir, dieser kurze Moment, in dem das Nasentier in uns aufleben darf, macht uns das kleine Quäntchen glücklicher und das allein sollte es uns wert sein.

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